Interview
mit Dr. Elisabeth Winkelmann
Was sind die häufigsten Krankheiten im Alter, die Sie operativ therapieren?
Zunächst einmal: Rund ein Viertel aller Patienten, die von uns chirurgisch versorgt werden, sind heute über 65 Jahre alt. Die meisten von ihnen kommen notfallmäßig in die chirurgische Abteilung, und über die Hälfte aller Notfalldiagnosen betreffen Erkrankungen des Bauchraumes. Bei Bauchproblemen muss man zwischen gutartigen und bösartigen unterscheiden. Als gutartige Erkrankungen werden bei uns besonders häufig Leisten-, Bauchdecken- und Zwerchfellbrüche behandelt. Wir operieren aber auch viele Menschen, die an akuten Gallenblasenerkrankungen mit Koliken und Entzündungen leiden oder die wegen Magengeschwüren mit einem nachfolgendem Magendurchbruch aufgenommen werden. Zu den häufigen gutartigen Erkrankungen im Alter zählt außerdem der Darmverschluss durch Verwachsungen.
Je älter der Mensch wird, umso häufiger treten jedoch auch Krebserkrankungen auf. Im Bauchraum sind dies in erster Linie bösartige Erkrankungen des Dickdarms, hinzu kommen Magen-, Gallenblasen- und Bauchspeicheldrüsentumoren.
Rund 15 Prozent der älteren Patienten behandeln wir wegen eines Unfalls in unserer chirurgischen Abteilung, meistens ist ein Sturz vorangegangen. Im Alter stürzen die Menschen häufiger, und zugleich nimmt die Stabilität der Knochen ab. Am Rumpf kommt es deshalb oft zu Wirbelkörperbrüchen, manche Menschen ziehen sich auch Rippenbrüche beim Aufprallen des Brustkorbes zu, zum Beispiel auf einen Badewannenrand. Bei dem Versuch, den Fall mit den Armen abzufangen, bricht bei älteren Menschen in erster Linie die handgelenknahe Speiche und der Oberarm unterhalb des Oberarmkopfes. Manchmal bleibt der Fuß beim Sturz an einer Teppichkante hängen. Dann sind meist ein Oberschenkelhalsbruch oder ein Bruch im körpernahen Anteil des Oberschenkelschaftes die Folge. Weil viele ältere Menschen außerdem Hüft- oder Knieprothesen aufgrund von Verschleißerkrankungen besitzen, passiert es nicht selten, dass diese künstlichen Gelenke bei Stürzen herausbrechen.
Welche besonderen Operationsverfahren bieten Sie im Gertrudis-Hospital an?
Wir haben uns im Gertrudis-Hospital bereits vor vielen Jahren auf die minimal-invasive Operationstechnik spezialisiert, die ja auch Schlüssellochchirurgie genannt wird. Bei dieser Methode kommen wir mit kleinen Schnitten aus im Gegensatz zu einer offenen Operation mit einem großen Bauchschnitt, die wir natürlich auch beherrschen. Doch das minimal-invasive Vorgehen hat für die Patienten viele Vorteile: Denn dieses Verfahren geht mit weniger Schmerzen einher, und wir können bereits sehr früh, möglichst noch am Tag der Operation, mit der Mobilisierung beginnen. Dadurch reduzieren wir Komplikationen, die durch Folgeerkrankungen, wie zum Beispiel Lungenentzündungen oder Thrombosen, entstehen können. Wir führen heute im Gertrudis-Hospital über 90 Prozent der Baucheingriffe minimal-invasiv durch - auch bei Patienten im hohen Alter. Fast alle Leisten- und Zwerchfellbrüche sowie Entfernungen der Gallenblase operieren wir auf diese Weise. Aber auch bei einem durchgebrochenen Magengeschwür oder einem bösartigen Dickdarmtumor ist das minimal-invasive Verfahren erste Wahl.
Übrigens: Stabile Wirbelbrüche und auch Rippenbrüche müssen in der Regel gar nicht operiert werden.
In der Unfallchirurgie steht für uns an erster Stelle, dass wir unsere ältere Patienten möglichst schnell wieder mobilisieren. Deshalb wählen wir bei Arm- und Beinbrüchen ein operatives Vorgehen, bei dem die Patienten die verletzten Körperteile möglichst schnell wieder belasten können. Lassen Sie mich das an zwei Beispielen erläutern: Wir benutzen etwa bei Oberarm- und Speichenbrüchen so genannte winkelstabile Plattensysteme. Mit ihnen wird der Bruch gerichtet und in möglichst anatomischer Stellung gehalten, auch wenn der ältere Mensch den gebrochenen Arm oder das gebrochene Bein bereits wieder belastet. Einen Oberschenkelhalsbruch versorgen wir mit einer Hüftprothese, so dass die Patienten bereits am Tage nach der Operation das Bein wieder voll belasten können. Übrigens: Stabile Wirbelbrüche und auch Rippenbrüche müssen in der Regel gar nicht operiert werden.
Was zeichnet die Alterschirurgie im Gertrudis-Hospital aus?
Um den betagten kranken Menschen kümmert sich bei uns nicht nur ein einzelner Chirurg, sondern ein großes Team, das die Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung begleitet. Zum Behandlungsteam gehören Chirurgen, Altersmediziner und Narkoseärzte, aber auch Schwestern und Pfleger, Physio- und Ergotherapeuten, Sozialarbeiter und die Schwestern für die Pflegeüberleitung. Wir behandeln Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter im besten Sinne des Wortes ganzheitlich, weil wir nicht nur den Beinbruch oder die Gallenblase operieren, sondern auch bereits bestehende Organerkrankungen oder Erkrankungen des Alters, wie zum Beispiel eine Demenz, mit behandeln. Und wir denken von Anfang an über den Aufenthalt im Krankenhaus hinaus, indem wir beispielsweise auch potenzielle Folgen der Krankheit mit berücksichtigen und die Versorgung nach der Entlassung bereits im Krankenhaus organisieren. Dieses Konzept im Krankenhausalltag umzusetzen, ist nur möglich, wenn sich alle Mitarbeiter des behandelnden Teams gut verstehen und kooperativ für die Gesundung des älteren Menschen zusammenarbeiten.
Gibt es für Sie Grenzen des Machbaren? Was oder wen würden Sie nicht mehr operieren?
Vorab: Die Alterschirurgie kann bei richtiger Indikation viele Patienten auch im hohen Alter erfolgreich behandeln, zumindest aber die Leiden verringern. Das Lebensalter des Patienten spielt im übrigen bei der Indikationsstellung zur Operation die nebensächlichste Rolle. Dennoch gibt es für uns auch Grenzen: Unsere wichtigste Aufgabe bei schwer kranken Patienten besteht darin, ihnen einen möglichst menschenwürdiges und schmerzfreies Leben bis zum Tod zu ermöglichen. Operieren würden wir dann nicht mehr, wenn der ältere Patient keinen ersichtlichen Nutzen von der Operation hat. Dies ist dann der Fall, wenn bereits bestehende Organerkrankungen so schwer sind, dass die Patienten eine Operation und die anschließende Nachbehandlung wahrscheinlich nicht überleben würden. Auch bei einer fortgeschrittenen und nicht mehr beeinflussbaren Tumorerkrankung wägen wir sehr sorgfältig ab, ob eine Operation sinnvoll ist. Und unsere Entscheidung hängt maßgeblich von dem Willen des Patienten bzw. seiner Angehörigen ab.
Eine letzte Frage: Gibt es für Sie ein besonders schönes Erlebnis im Zusammenhang mit der Operation eines älteren Menschen?
Ja, ich erinnere mich noch gut an eine Begebenheit: Es war in einem Dezember, als wir drei hochbetagte Patienten versorgten: Eine 100-jährige Frau hatte nach einem Darmverschluss die Entfernung eines bösartigen Dickdarm-Tumors überstanden, eine 103-jährige Frau war nachts wegen eines durchbrochenen Magengeschwürs operiert worden, und ein 105-jähriger Mann hatte sich beim Stolpern über eine Teppichkante einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen und eine Hüftteilprothese erhalten. Diese drei Patienten waren geistig ausgesprochen rege und lernten sich nach den operativen Eingriffen bei der Mobilisation kennen. Den Schwestern war aufgefallen, dass diese rüstigen über 100-Jährigen ein gemeinsames Hobby teilten: die Liebe zur Musik. Die Schwestern ermunterten sie, und bald teilten uns die Senioren mit, dass sie gerne ein kleines vorweihnachtliches Konzert im Krankenhaus geben würden, wenn ihr Genesungsprozess weiter so gut voranschreiten würde und sie noch vor Weihnachten das Hospital wieder verlassen könnten. Und so geschah es: Wir haben einen Flügel im Krankenhauseingang aufgestellt, und die Mitarbeiter sowie die Patienten haben mit großer Begeisterung dem 30-minütigen Weihnachtskonzert gelauscht. Dieses Bild sehe ich heute noch vor mir: der 105-jährige Mann mit seiner neuen Hüftprothese am Klavier, die 103-jährige Frau mit frisch übernähtem Magen an der Flöte und die 100-jährige Frau nach Dickdarmteilentfernung an der Violine. Übrigens: Das nachfolgende Weihnachtsfest haben die Drei bei stabiler Gesundheit gefeiert und sehr genossen.
Gertrudis-Hospital Westerholt
Katholisches Klinikum
Ruhrgebiet Nord GmbH
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Interview mit
Dr. Elisabeth
Winkelmann
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