Damit ein selbstbestimmtes Leben im Alter möglich bleibt
Im Gertrudis-Hospital gehört fachübergreifende Zusammenarbeit zum Konzept
„Ich bestimme immer noch selbst, was passiert“, sagt Anneliese Girbardt mit fester Stimme. Und fügt sofort mit einem schelmischen Lächeln hinzu: „Aber wenn Sie mich so nett bitten, dann übe ich natürlich mit Ihnen noch einmal das Aufstehen.“ Krankenpfleger Arthur Golab freut sich über die Fortschritte, die seine 80-jährige Patientin nach ihrer Operation bereits gemacht hat. Und er ermuntert sie immer wieder, möglichst wenig Zeit im Krankenhausbett zu verbringen und möglichst viel selbständig zu machen: also zum Beispiel Aufstehen, Waschen, Ankleiden, Essen und Trinken. „Das gehört zum Prinzip der ‚Aktivierenden Pflege’, die wir im Gertrudis-Hospital praktizieren. Denn aus medizinischer Sicht können schon kurze Phasen der Bettlägerigkeit zu Komplikationen wie Lungenentzündungen, Thrombosen oder Embolien führen“, erläutert Dr. Karl Ott, Chefarzt der Geriatrie und zugleich Ärztlicher Direktor.
Anneliese Girbardt wurde mit einem Oberschenkelhalsbruch und einem Armbruch ins Gertrudis-Hospital eingeliefert. Diese Verletzungen hatte sie sich nachts bei einem Sturz auf dem Weg zum Bad zugezogen. Aufmerksame Nachbarn hatten die Hilferufe der Seniorin gehört und umgehend den Rettungsdienst verständigt. So konnten die beiden Brüche noch in der Nacht behandelt werden. „Den Oberschenkelhalsbruch haben wir operiert und ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt, den Arm haben wir nur mit einer Schiene versorgt“, erläutert Dr. Christian Mann, chirurgischer Oberarzt. Er weiß aus Erfahrung, dass Stürze bei alten Menschen schnell passieren können: Mal ist eine Teppichkante Auslöser des Unglücks, mal eine plötzlich auftretende Schwindelattacke. „Rund 30 Prozent der Menschen, die zu Hause leben und über 65 Jahre alt sind, stürzt mindestens einmal im Jahr. Bei den über 80-Jährigen sind schon die Hälfte von einem Sturz betroffen“, nennt der Chirurg Zahlen. Das Problem dabei: Weil die Knochen im Alter morsch werden, kommt es auch schnell zu Frakturen. Mit manchmal fatalen Folgen für die Beweglichkeit. Dr. Mann: „Nehmen wir zum Beispiel den Bruch des Hüftgelenks. Wer über siebzig Jahre alt ist, läuft Gefahr, dass seine Mobilität dauerhaft eingeschränkt bleibt. Und manch ein Betroffener wird leider auch pflegebedürftig.“
Um diese gravierenden Folgen zu vermeiden, arbeiten Chirurgen und Geriater im Gertrudis-Hospital interdisziplinär zusammen. Frau Girbardt ist zwar Patientin der chirurgischen Abteilung, doch von Anfang an stimmen Chirurgen und Altersmediziner die Behandlung gemeinsam ab. „Wir Chirurgen wählen nach Möglichkeit ein operatives Verfahren, bei dem die Patienten nach dem Eingriff den Knochen sofort wieder belasten können. Die Altersmediziner wiederum gehen den Ursachen für den Sturz nach, um künftigen Unfällen vorzubeugen“, erläutert der Chirurg. In dem einen Fall kann nämlich eine ernsthafte internistische Krankheit hinter dem Sturz stecken, zum Beispiel Durchblutungs- oder Herzrhythmusstörungen, ein zu niedriger Blutdruck oder neurologische Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson. In einem anderen Fall führte eine Stolperfalle in der Wohnung zum Unfall, und im dritten Fall fehlte es den Patienten an der Konzentration und Koordination. Erst wenn die Gründe für den Sturz bekannt sind, wird ein individuelles Therapiekonzept erstellt.
Bereits kurz nach dem Eingriff üben Patienten wie Anneliese Girbardt wieder alltägliche Bewegungsabläufe ein, also Aufstehen, Gehen, Sitzen, Essen, Treppen steigen. Denn gesichert ist: Je früher alte Menschen nach Stürzen wieder mobilisiert werden, um so besser die Aussichten, dass sie keine Einbußen in der Beweglichkeit erleiden. Mit Krankengymnasten und Ergotherapeuten trainieren die Patienten Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Ergotherapeuten nehmen darüber hinaus auch noch das häusliche Umfeld genau unter die Lupe: Gibt es in der Wohnung vielleicht Stolperfallen? Stimmt die Beleuchtung in den eigenen vier Wänden? Sind die Möbel stabil? Müssen Treppen bewältigt werden, um in die Wohnung zu gelangen? Welche Hilfsmittel, wie zum Beispiel Geh- oder Haushaltshilfen, sind erforderlich, um sicher zuhause leben zu können?
Zurück zu Frau Girbardt: Inzwischen ist ihr Mann von einem Einkauf ins Krankenzimmer zurückgekehrt. Ernst Girbardt war selbst wegen einer Operation im Westerholter Krankenhaus und stand kurz vor seiner Entlassung, als ihn die Nachricht vom Unfall seiner Frau erreichte. Jetzt hat er seinen Aufenthalt im Gertrudis-Hospital verlängert und teilt mit ihr das Krankenzimmer. „Wenn wir räumliche Kapazitäten frei haben, kann der Ehepartner gerne auch vorübergehend bei uns mit leben und versorgt werden“, erklärt Dr. Ott. Frau Girbardt gibt es Sicherheit, ihren Mann in ihrer Nähe zu wissen. „Sie hat Angst vor einem neuen Sturz. Deshalb traut sie sich noch nicht viel zu. Dabei kann sie schon viel mehr. Jetzt muss sie lernen, ihre Angst zu überwinden, und ich unterstütze sie dabei“, sagt Ernst Girbardt.
Hilfreich ist für ihn dabei das Pflegetraining direkt am Bett – auch das ein Baustein im Konzept des Gertrudis-Hospitals. Pfleger Arthur Golab und Pflegeüberleitungsschwester Regina Kaiser leiten heute Herrn Girhardt an, wie er seiner Frau fachgerecht aus dem Bett hilft und sie in den Rollstuhl setzt. Regina Kaiser hat außerdem mit Ernst Girbardt die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt durchgesprochen: Ein Pflegedienst wird das Paar künftig unterstützen, für finanzielle Unterstützung sorgt der Antrag auf Verhinderungspflege, und auch das Pflegebett ist bereits bestellt. In ein paar Tagen wird also einer Rückkehr in die eigenen vier Wände nichts mehr im Wege stehen.
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